Inspiration

Über die Dörfer

In einem meiner ersten Beiträge auf diesem Blog (Lass dich fallen, 18.12.2021) habe ich von der Einladungskarte zu meinem 50. Geburtstag erzählt, auf der ich einen Auszug eines Gedichts wiedergegeben hatte, das programmatisch für den neuen Lebensabschnitt sein sollte.

Als ich nun beschlossen habe, dieses Gedicht, einen kurzen Auszug aus Peter Handkes Über die Dörfer, als Inspiration auf diesem Blog wiederzugeben, habe ich mir das Büchlein noch einmal hergenommen. In dem als „dramatisches Gedicht“ bezeichneten Text geht es um eine Meinungsverscheidenheit unter drei Geschwistern. Neben weiteren Rollen gibt es die (Haupt-)Rolle der Nova. Wenn ich richtig gezählt habe, spricht Nova nur vier Mal. Folgend der Text auf meiner Einladungskarte, der die erste Hälfte einer kurzen Rede Novas zu Beginn des Stücks wiedergibt.

Nova in Über die Dörfer von Peter Handke

 

Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr.
Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung.
Aber sei absichtslos.
Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts.
Sei weich und stark. Sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg.
Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen.
Sei erschütterbar.
Zeig deine Augen, wink die andern ins Tiefe, sorge für den Raum
und betrachte einen jeden in seinem Bild.
Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig.
Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.
Lass dich ablenken.

Nova ist die Verkünderin der Vision eines neuen Zeitalters. Dies besonders in ihrer längeren Abschlussrede, mit der das dramatische Gedicht endet. Ich kann mich nicht erinneren, wann ich Über die Dörfer zum ersten Mal gelesen habe. Die Reden Novas haben mich immer stark angesprochen. Aber als ich den gesamten Text vor einigen Tagen erneut gelesen habe, war ich erstaunt darüber, dass ich meine Resonanz mit dieser Zukunftsvision, von Peter Handke vor 42 Jahren zu Papier gebracht, heute, insbesondere nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahre, intensiver empfinde als jemals zuvor.
Ich gebe hier Auszüge aus der Abschlussrede Novas wieder, begleitet von Schnappschüssen, aufgenommen beim Wandern über die Dörfer im Sommer 2022.

Nova spricht:

Aus mir spricht der Geist des neuen Zeitalters, und der sagt euch jetzt folgendes.
Der Krieg ist fern von hier. Das zwischen euch Vorgefallene sei euer letztes Drama gewesen.
Unsere Heerscharen stehen nicht grau in grau auf den Betonpisten,
sondern gelb in gelb in den gelben Blütenkelchen.

Das Bergblau ist – das Braun der Pristolentaschen ist nicht;
und wen oder was man vom Fernsehen kennt, das kennt man nicht.

Wenn kraft des in der Ferne zitternden Flusses mein innerstes Herz erzittert,

dann erst bin ich die Seiende.

Denkt nach: habt ihr euren Krieg nicht hinter euch?

So verstärkt die friedliche Gegenwart und zeigt die Ruhe von Überlebenden:
das Ich ist ruhig.

Schüttelt euer Jahrtausendbett frisch. Bewegt euch.
Die lebenslang Siechen, das seid nicht ihr.
Eure Kunst ist für die Gesunden,
und die Künstler sind die Lebensfähigen – sie bilden das Volk.

Wartet nicht auf einen neuen Krieg, um geistesgegenwärtig zu werden:
die Klügsten sind die im Angesicht der Natur.
Blickt ins Land – so vergeht die böse Dummheit.

Seid dankbar. Die Dankbarkeit ist die Begeisterung.

Gebt etwas weiter.
Weitergeben tun aber nur, die etwas lieben:
liebt eines – es genügt für alles.
Die Liebe erst ermöglicht die Sachlichkeit.

Aber wenn die meisten nicht erhebbar sind, seid die Erhebbaren.
Freilich seid ihr wenige – aber die Wenigen, sind sie denn wenig?
Seht weg von den Ausgekochten, den viehischen Zweibeinern.
Sie sind vielleicht schlau, ihr aber, seid wirklich.
Folgt der Karawanenmusik.

Ja, bleibt für immer fern von der kraftlos-gewalttätigen, der als Macht auftretenden Macht.
Die gute Kraft ist die des Übersehens.
Vernichtet – aber nur durch Licht.
Bewegt euch – damit ihr langsam sein könnt: Die Langsamkeit ist das Geheimnis.

Klagt nicht darüber, dass ihr allein seid – seid noch mehr allein.

Da hinten im Stockschwarz schimmert ein Weiher;
da hinten jenseits der Grabkreuze schimmern die Pyramiden.

Verwandelt eure unwillkürlichen Seufzer in mächtige Lieder.

Blickt in das Fruchtland und lasst euch nicht die Schönheit ausreden –
die von Menschen geschaffene Schönheit ist das Erschütternde.

Viele Tarnungen anzunehmen, wird auf dem Weiterweg eurer Geschick sein,
und manch fröhlichen Schwindel zieht zu Recht jeder öffentlichen Wahrheit vor.
Zu tun, als ob, ist eine Kraft.
Ja, verleugnet euch, verbergt euch, sagt, dass ihr nicht seid, die ihr seid.
Nur die Zugeknöpften erinnern sich.

Spielt gewissenlos die Possen – die Sätze, Gebärden und Blickwechsel – der Alltäglichkeit.
Man kann sich nicht immer haben – sich zu verlieren, gehört zum Spiel.
Spielt euer Spiel – aber es sei beseelt.
(Und doch: Stolz geht nur der Unmaskierte!)

Schließt die Augen, und aus dem Nachbild der Sonne entsteht der neue Kontinent.
Geht hinaus in den unbekannten Erdteil, mit menschlicher Langsamkeit.
Ich sehe vor uns ein großes Reich, das noch leer ist.
Lasst die Illusionslosen böse grinsen:
die Illusion ist die Kraft der Vision, und die Vision ist wahr.

Gehend versäumt nicht die Schwellen zwischen dem einen Bereich und dem nächsten:
erst mit der Erkenntnis der Übergänge erhebt sich der Wind des anderen Raums.

Mephisto ist hier nicht die Hauptfigur.
Die Gegensprechanlage ist ohne Strom.
Die Seelenfänger treten woanders auf.

Zieht auf die Friedenskinder – rettet eure Helden!
Sie sollen bestimmmend sagen: Krieg, lass uns in Ruhe.

Ihr Leute von hier. Ihr seid die Zuständigen.

Jeder von uns ist bestimmt zum Welteroberer.

Die Zeit unsres Daseins soll unsere triumphale Episode sein!
Vielleicht gibt es keine Orte der Wildnis mehr;
aber das Wilde, immer Neue, ist noch immer: die Zeit.
Es wird immer wieder ernst.

Leute von hier: vergesst die Sehnsucht nach den vergangenen heiligen Orten und Jahren.
Mit euch ist die heilige weite Welt.
Jetzt ist der heilige Tag.

Es gibt den göttlichen Eingriff, und ihr alle kennt ihn.
Es ist der Augenblick, mit dem das Drohschwarz zur Liebesfarbe wird,
und mit dem ihr sagen könnt und weitersagen wollt: Ich bin es.
Ihr weint und es weint – ihr lacht und es lacht.

Leute von jetzt: entdeckt, entgegengehend, einander als Götter –
als Raumaushalter, Raumerhalter. Wollt es, werdet es, seid es.

Menschen, götterflüchtige Götter: Schafft den großen Satz.
Wollt den Sprung. Seid die Götter der Wende.

Die Freude ist die einzige rechtmäßige Macht.

Erst wenn ihr euch freut, geht es mit rechten Dingen zu.

 

Die machthabenden Kindermörder verschwinden ungestraft im Dunkeln,
und die gemeuchelten Seelen … bleiben ungerächt.

Die Freudeverderber sind überall,
und der ärgste von ihnen ist durch das geglückteste Leben nicht wegzudenken.

Unter der Freudensonne gehend, schlucken wir zuinnerst die Bitterkeit.

Die Schreie des Grauens werden sich ewig fortsetzen.
Unsere Geborgenheit ist das Nirgendwo.
Das einzig wirkende Beten ist die Danksagung.

Nach dem Blindmoment des Schmerzes der Augenblick des Humors!

Beweist, gegen den Allesverschlinger, mit euren Mitteln, unseren menschlichen Trotz!

Jedem noch so flüchtigen Kuss einen Segen.
Und jetzt zurück auf eure Plätze, jeder auf den seinen.
Bewegt euch, in unauffälliger Langsamkeit.

Nur das Volk der Schöpfer, jeder auf seinem Platz,
kann werden und sich freuen wie die Kinder.

Richtet euch auf. Abmessend-wissend seid himmelwärts.
Seht den Pulstanz der Sonne und traut euerm kochenden Herz.
Das Zittern eurer Lieder ist das Zittern der Wahrheit.

Geht ewig entgegen. Geht über die Dörfer.

Gechrieben von Peter Handke in Salzburg im Herbst/Winter 1980/81
Gelesen von mir in Salzburg im Sommer 2022

2 Comments

  • Kerstin Pletzer

    Wunderbar inspirierende Worte von Peter Handke.
    Mit den Augen einer Mediatorin gelesen könnte das auch eine Vision sein für eine neue Kommunikation, die viel in der Welt verändern würde.
    Vielen Dank für den tollen Impuls, Frau Peters!

  • บางแสน

    THIS LAND IS MADE FOR YOU AND ME.

    The latest advance towards equality in land rights in India was the Hindu Succession Act of 2005. This act aimed to remove the gender discrimination which was current within the Hindu Succession Act, 1956. In the new modification, daughters and sons have equal rights to obtain land from their parents. The brand new act will permit foreigners to amass land solely on a lease foundation of up to 99 years with an annual 15% tax on the total rental paid upfront. The federal government responded by saying „a complete economic analysis of the attainable impression of transferring to a land value taxation foundation“.

    It is possible for foreign individuals to create a registered firm for the only objective of buying property in Australia and actively bypass the loophole repair. In March 2010, the Reserve Financial institution of Australia governor announced that it is monitoring the effect of the rule change on the housing market.

    As of 2010, land value taxes and land worth increment taxes accounted for 8.4% of whole government revenue in Taiwan.

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